Chemo

Keine Angst vor der "Chemo"

Während meiner Ausbildungszeit im St.Anna Kinderspital hatte ich die einzigartige Gelegenheit, nicht nur die Grundlagen der Chemotherapie zu erlernen – sondern ich konnte an der onkologischen Station auch die Auswirkungen einer Chemotherapie sozusagen „hautnah“ monatelang sehen und studieren. Dabei konnte ich beobachten, dass eine Chemotherapie eine enorme Erfahrung und vor allem Fingerspitzengefühl des behandelnden Arztes erfordert. Sonst kann es sehr leicht zum gegenteiligen Effekt kommen. Die größten Erfolge hat die Chemotherapie bis heute zweifelsohne in der Behandlung von Blutkrebs (Leukämien aller Art) zu verzeichnen. Das alleine schon deshalb, weil man eventuell stündlich das Blutbild kontrollieren und so genau die Auswirkungen der Chemotherapie unter dem Mikroskop beobachten kann. Deshalb waren die Ärzte und Forscher im Team um Prof. Gardner im St. Anna Kinderspital auch in der Lage, optimierte Chemotherapien zu entwickeln. Und völlig zu Recht erlangte so dieses Spital Weltruf. Aber die Auswirkungen einer Chemotherapie beim Lungenkrebs kann ich eben nicht im Mikroskop mitverfolgen, wie das bei dem Tumorzellen im Blut bei den Leukämien der Fall ist. Beim Lungenkrebs kann man erst alle paar Tage an Hand einer sehr aufwändigen MRT Untersuchung feststellen, ob der Tumor nun tatsächlich kleiner geworden ist oder gar unter der Chemo gewachsen ist. Und das ist meiner Meinung nach der wesentliche Unterschied einer Chemo bei Leukämien und z.B. beim Lungencarcinom. Die Chemotherapie ist also nicht bei allen Krebserkrankungen so gut steuerbar wie bei Leukämien.
Bei vielen Krebspatienten ist die Chemotherapie gefürchtet, und das nicht unbegründet. Denn die Behandlung mit den schweren Anti-Krebs-Medikamenten hat unangenehme Begleiterscheinungen, die oft auch sichtbare Spuren hinterlassen (Haarausfall). Dennoch ist die Chemotherapie in der modernen Krebsbehandlung eine wichtige Routinemaßnahme, die vielen Patienten entscheidend helfen kann. Und durch entsprechende Begleitmedikamente hat die Chemotherapie viel von ihrem einstigen Schrecken verloren.

Unter Chemotherapie verstehen die Mediziner die Anwendung bestimmter Medikamente mit dem Ziel, die lebensbedrohlichen Krebszellen im Körper zu zerstören. Über 50 derartiger Chemotherapeutika stehen dazu derzeit zur Verfügung – synthetisch hergestellte Substanzen oder Abkömmlinge natürlich vorkommender Stoffe, die alle als Zellgifte wirken. Meist werden mehrere dieser Medikamente gleichzeitig in Form einer Kombinationstherapie eingesetzt, weil viele Tumorzellen unterschiedlich empfindlich auf die Substanzen regieren und ein breites Wirkstoffspektrum einen noch gezielteren, gesteigerten Effekt verspricht. Manche Chemotherapeutika werden aber auch einzeln verabreicht, entweder weil sie alleine genug krebszerstörende Power haben, oder um Nebenwirkungen möglichst gering zu halten.

Wie wirkt nun Chemotherapie?

In allen Geweben und Organen des menschlichen Körpers teilen sich ständig Zellen und neue entstehen, um die alten, schadhaften zu ersetzen und den Organismus am Leben zu erhalten. Bei gesunden Zellen erfolgen Wachstum und Teilung nach einem kontrollierten Muster. Bei Krebszellen aber gerät dieser Prozess außer Kontrolle. Ein Tumor entsteht! Oder bei Blutkrebs, wie etwa im Fall von lymphatischer Leukämie werden viel zu viele weiße Blutkörperchen gebildet. Wenn Krebszellen über die Blutbahn und das Lymphsystem in andere Körperregionen abwandern und sich dort ansiedeln entstehen Metastasen, sogenannte Tochtergeschwülste.
Die mit der Chemotherapie verabreichten Medikamente – sie werden Zytostatika genannt – hindern die Krebszellen an der Teilung und hemmen oder verzögern daher ihre Vermehrung. Auf ihrem Transport über die Blutbahn in den Organismus können die Chemo-Medikamente – anders als das Skalpell des Chirurgen – Krebszellen, Tumore und Tochtergeschwülste so gut wie überall im Körper erreichen. Sie greifen direkt in den entgleisten Steuerungsmechanismus der Krebszelle ein und bewirken letztlich den Zelltod der Tumorzelle. Die Chemotherapie wird deshalb auch als systemische Therapie bezeichnet.
Der Großteil der Chemotherapeutika nimmt die Krebszelle ausgerechnet während ihrer Teilungsphase ins Visier. Weil Krebszellen sich so übermäßig rasch und hemmungslos teilen, sind sie die dem Bombardement der Zytostatika viel öfter ausgesetzt als gesunde Zellen. Je schneller sich die Krebszellen teilen, umso wirkungsvoller kann das Anti-Krebszellgift den krankhaften Teilungsvorgang stören. Nur Krebszellen in der Ruhephase können nicht angegriffen werden. Weil größere Tumore in der Regel ihr Wachstumstempo bereits verlangsamt haben, sind sie normalerweise für die Chemotherapie nicht mehr optimal zugänglich. Allerdings werden die Zellgifte der Chemotherapie auch vom gesunden Körpergewebe aufgenommen. Das schafft die berüchtigten unerwünschten Nebenwirkungen. Gesunde Zellen teilen sich jedoch nicht so rasch und sind daher der chemotherapeutischen Attacke weniger stark ausgeliefert. Außerdem können gesunde Körperzellen den Schaden wieder reparieren. Nach Abschluss der Chemotherapie verschwinden deshalb auch meistens die entstandenen unangenehmen Begleiterscheinungen. Krebszellen sind zu dieser Schadenswiedergutmachung nicht im Stande. Sie gehen schließlich an den Zytostatika zugrunde und werden vom Körper entsorgt.

Wann Chemotherapie?

Chemotherapie kann als alleinige Therapie genutzt werden oder auch in Verbindung mit anderen Behandlungsarten, wie zum Beispiel mit Hormontherapie, Immuntherapie, Strahlentherapie, chirurgischen Eingriffen oder einem Bündel aus diesen Behandlungsmaßnahmen. In den meisten Fällen kommen die einzelnen Behandlungsformen nicht gleichzeitig, sondern hintereinander zum Einsatz.
Chemotherapie kann beispielsweise vor einer Operation eingeleitet werden, um eine Krebsgeschwulst bereits vor dem Eingriff zu verkleinern, so dass sie leichter entfernt werden kann. Das kann vor allem bei besonders großen Tumoren wichtig sein, oder wenn diese sehr eng mit gesundem Gewebe verwachsen sind. Vor allem bei Brusttumoren wird dieses Prinzip besonders häufig angewandt. Eine Chemotherapie im Anschluss an eine Krebsoperation ist sinnvoll, wenn der Verdacht besteht, dass sich eventuell noch zu viele Krebszellen im Körper versteckt halten. Hier soll die Chemotherapie einem Wiederauftreten der Krebserkrankung vorbeugen. Wenn die komplette chirurgische Entfernung der Krebsgeschwulst unmöglich ist und die Chemotherapie keine Heilung bieten kann, kann sie aber manchmal zumindest den Krankheitsverlauf bremsen und so das Wachstum des Krebses und die Beschwerden unter Kontrolle halten.

Die Chemotherapie hat besonders hervorragende Behandlungs- und Heilerfolge bei Morbus Hodgkins – einer Form der Leukämien und bei Hodentumoren - hier sogar in weit fortgeschrittenen Stadien trotz bereits bestehender Lungenmetastasen - erzielt. Leukämien zählen also geradezu zu den klassischen Anwendungs- und Erfolgsgebieten der Chemotherapie. Eine Behandlungsphase mit einer extrem hohen Chemotherapie Dosis kann notwendig sein, wenn trotz vorangegangener Chemotherapiephasen ein hohes Rückfallrisiko besteht. Diese hohe Chemodosis zerstört zwar das Knochenmark, das für die Bildung der Blutzellen nötig und zuständig ist. Heutzutage kann man aber danach das Knochenmark wieder ersetzen – durch Stammzellen aus passenden Spender-Knochenmark oder zuvor reservierten Eigenblutzellen des Patienten. Diese Knochenmarkstransplantationen sind nur bei wenigen Krebsarten üblich und zielführend.
Zusammenfassend kann also festgestellt werden, dass eine Chemotherapie nur von absoluten Spezialisten und sehr verantwortungsvollen Ärzten durchgeführt werden sollte – da diese zweifelsfrei einen massiven Eingriff in das Leben des Menschen darstellt. Zuvor müssen aber sämtliche Vor- und Nachteile mit dem betroffenen Menschen und ev. den Angehörigen genau erörtert werden. Und nur, wenn Arzt und Patient überzeugt sind, dass eine Chemo der einzig mögliche und richtige Weg ist, sollte dieser Weg beschritten werden.